Der Mensch schaut immer fern - auch wenn er nicht fern sieht

Warum deine Gefühle und Gedanken nicht immer die deinen sind.

Kurt sitzt in meiner Praxis vor mir. Er sieht fürchterlich aus. Abgeschlagen und mit schwarzen Ringen unter den Augen blickt er mich an. Er ist am Ende. Aus seiner Sicht. Er klagt über Verwirrung, Orientierungslosigkeit, Getriebenheit und zugleich Energielosigkeit. Kurt erzählt, wie schwer es ihm fällt, sich in seiner Mitte zu halten und sich abzugrenzen. Er fühlt sich von Energien überrollt.

Auf Kurts Stirn legen sich tiefe Falten, als er mich fragt: „Was mach ich falsch? Sollte ich vielleicht Vitamine zu mir nehmen? Mich von einem Arzt checken lassen? Oder bin ich reif für den Psychiater? Seit ein paar Wochen fühle ich mich, als stehe ich neben mir. Es ist als hätte ich die Verbindung zu mir verloren.“

Kannst du mir ein konkretes Beispiel nennen?, frag ich ihn. „Ja, gestern Morgen z.B., da hatte ich einen guten Start in den Tag. Ich fühlte mich seit langem wieder einmal fit, klar und ausgelassen. Aber kaum hatte ich das Haus verlassen und mich in den Zug gesetzt, fiel diese Gelassenheit von mir. Von einer Minute zu andern war ich übel gelaunt, fühlte mich gestresst und mir wurde schlecht. Ich war so aufgebracht und missmutig, dass ich am liebsten alle angebrüllt hätte, dass sie sich gefälligst verpissen sollen. Während den paar Schritten vom Bahnhof in mein Büro beruhigte ich mich wieder etwas. Aber ich fühlte eine solche Schwere und Müdigkeit in mir, dass ich mich am liebsten gleich auf dem Gehsteig hingelegt hätte. In meinem Kopf schwirrten seltsame Gedanken und als ich meinen morgendlichen Kaffee zum Mitnehmen holte, liess ich dort mein Portemonnaie liegen. Ich bekam es zwar wieder, aber diese Verwirrung und Wechselbäder meiner Gefühle machen mir echt zu schaffen.“

„Oder vor zwei Nächten, da bin ich schweissgebadet aufgewacht und hatte eine Art Panikattacke. Mein Herz raste und ich war äusserst beunruhigt. Ich fühlte mich bedroht und hatte das Gefühl als würde ich gleich sterben. Ich habe mich dann an unsere letzte Atemsitzung erinnert und habe das bewusste Atmen angewendet. Danach war ich etwas ruhiger, bin aufgestanden und habe mir einen Tee gemacht. Als ich in der Küche stand, kam mir schlagartig in den Sinn, dass mein Vater, als er in meinem Alter war, an einem Herzinfarkt gestorben war. Ich war wie vom Donner gerührt. Meinst du, dass mein Erlebnis dieser Nacht etwas damit zu tun hat?“

„Kurt, als erstes möchte ich dir sagen, alles ist in Ordnung. Du bist nicht im Begriff verrückt zu werden. Einige meiner Klienten berichten von ähnlichen Erlebnissen. Man könnte sagen, dass es eine Art Zeiterscheinung ist. Das Bewusstsein der Menschen, dein Bewusstsein ist sich am ausdehnen. Dein Bewusstsein entwickelt sich sozusagen aus einem mentalen Zustand in einen multidimensionalen hinein. Das bedeutet, du beginnst Dinge hinter den Dingen wahrzunehmen. Es bedeutet du beginnst Situationen, in denen du dich befindest nicht nur über den Kopf zu analysieren, sondern sie zu fühlen, mit all deinen Sinnen. Eigentlich ist das etwas völlig Natürliches, aber wir haben es vergessen. Wir sind eine so mentale Gesellschaft geworden.“

„Hier ein Vergleich: Als du geboren wurdest, sahst du die Welt in ihrem ganzen Farbspektrum. Da waren Rot, Gelb, Grün, Blau, Violett. Mit der Zeit hast du gelernt, die Farben auszuschalten und die Welt nur in Grautönen zu sehen. Nehmen wir an, die Grautöne stehen für den Verstand und die Realität, wie sie von den meisten Menschen wahrgenommen werden. Nun beginnst du plötzlich wieder Farben zu sehen und zu fühlen. Im ersten Moment kann das sehr irritierend sein. Du hast dich so an die Grautöne gewöhnt. Farben gehörten bis anhin nicht in deine Welt. Nun beginnst du die Farbe Rot zu sehen. Sagen wir sie steht für das Massenbewusstsein. Weil sich deine Wahrnehmung ausdehnt, du etwas von deinem Schutzschild abgebaut hast, beginnst du auf einmal in der Strassenbahn die Stimmungen der Menschen zu fühlen; ihre Ängste, Hoffnungen, Wut und Freude. Du fühlst, was in der Welt geschieht. Du beginnst die Farbe Rot wahrzunehmen und zu fühlen“

„Nun will deine Grauton-Sicht diese Farben verstehen. Aber sie kann es nicht. Es liegt nicht in ihrem Spektrum. Was macht nun dein menschliches Selbst? Es beginnt sich zu hinterfragen. Du beginnst dich zu hinterfragen, was mache ich falsch, was muss ich tun um wieder normal zu werden. Du machst nichts falsch und du bist völlig normal. Du beginnst lediglich die Farben wieder zu sehen. Du beginnst die Stimmungen der Menschen in der Strassenbahn zu fühlen und übernimmst sie. Dein menschlicher Aspekt meint, dass alle Gedanken und Gefühle, die er hat, seine sind. Aber das sind sie oft nicht. Ich behaupte sogar, dass die meisten Gefühle und Gedanken, die du hast, nicht deine eigenen sind. Du nimmst lediglich die Schwingung deiner Umwelt auf und machst sie zu deiner eigenen.“

Kurt fragt: „Ja, aber wie kann ich das unterscheiden? Wie kann ich das ändern? Das alles ist so anstrengend und ermüdend.“

„Ja, das ist es. Aber bedenke, wir sind ständig von allen Energien umgeben. Eigentlich sind wir ständig auf Empfang. Nimm z.B. ein Radio. Nur weil es gerade einen bestimmten Sender spielt, sind die anderen Sender nicht einfach nicht da. Du hörst sie nur nicht, weil du den einen bestimmten Sender eingestellt hast.“

„In der Nacht, als du schweissgebadet aufgewacht bist, hast du den Sender Ahnenprogramm gehört. Du fühltest deinem Ahnen und nahmst, aber du bist nicht deine Ahnen. Du bist du. So wie der Radio nicht die Sendung ist, er spielt sie nur ab. Man könnte sagen, die Wahrnehmungen, die wir haben, sind die Radioprogramme. Du hast immer die Wahl, das Radioprogramm zu ändern. Als erstes musst du natürlich erkennen, dass es sich überhaupt um ein Radioprogramm handelt und nicht du das Radioprogramm selbst bist.“

Kurt beginnt sich etwas zu entspannen. Aber ich sehe auch, wie schon neue Fragen auftauchen. „Ja, aber was ist, wenn ich das Ahnenprogramm überhaupt nicht hören will? Niemals?“

„Das ist, wie wenn du sagen würdest, okay, ich beginne jetzt wieder Farben zu sehen, aber ich will nur Blau und Grün sehen. Alle anderen nicht. Das funktioniert natürlich nicht.“ Wenn du eine Farbe zu sehen beginnst, also Gefühle und Gedanken in dir hochsteigen, die dir nicht behagen, was könntest du dann tun?“

Kurt sitzt da und fühlt eine Weile in meine Frage hinein. Er ist nicht das erste Mal bei mir und kennt schon ein wenig meine Vorgehensweise. „Er beginnt zu lächeln und sagt, ich mach mir bewusst, dass ich jetzt Radio Ahnen höre, aber nicht die Sendung bin. Ich atme, verankere mich in meiner Sonne, meinem „Ich bin“ und erlaube mir alle Gefühle zu fühlen, alle Gedanken zu denken. Ich lausche ihnen, aber ich identifiziere mich nicht mit ihnen. Ich lass sie alles einfach durch mich hindurchfliessen während ich Radio Ahnen höre.

„Ja, genau. Es geht nicht darum einzelne Farben nicht zu sehen, oder nichts zu fühlen. Wie traurig wäre deine Welt, wenn du sie lebenslänglich nur in Grautönen sehen würdest und alle Gefühle und Gedanken ständig ausschalten würdest. Wir haben ständig Gedanken und Gefühle. Wir schauen ständig fern, auch wenn wir nicht fern sehen. Du hast dich für ein Leben in/mit Farben entschieden, vielleicht nicht bewusst, sondern aus einer tiefen Sehnsucht heraus. Deshalb treten die Farben jetzt in Erscheinung. Deshalb sag ich dir, es ist alles in bester Ordnung.“

„Die Lösung ist nicht, dicht zu machen, nichts mehr zu fühlen, zu sehen und zu hören. Natürlich ist das auch eine Wahl, die du machen kannst. Anfänglich mag das Ahnenprogramm ein dunkles tiefes Rot sein. Mit diesem Ahnenprogramm und der Farbe Rot zu sein, mag anfänglich unangenehm sein und dich sogar in einer Form überwältigen. Aber nur weil du es wegschaltest, ist es nicht weg. Das Atmen während du das Ahnenprogramm hörst, hilft dir, Energien zu bewegen. Mit der Zeit wird die Farbe von Tiefrot, sich in ein helles Rot wandeln. Mit dem Atmen befreist du dich aus dem Ahnenthema. Das bedeutet, du musst das Ahnenthema deiner Familie nicht wiederholen. Auf dich bezogen heisst dass, du musst nicht die Herzkrankheit deines Vaters wiederholen. Alles, was du fühlst, denkst ist da, aber du musst es nicht zu deinem machen. Du bist ein emphatisches Wesen, du fühlst die Stimmungen deiner Freunde, aber du musst sie nicht zu deinen machen. Ja, sie sind da, aber du bist der, der du sein willst. Du hast in jedem Moment die Wahl und hier zeigt sich deine schöpferische Kraft.“

„Okay, mit dem Kopf hast du es verstanden, wenden wir es an. Atmen wir uns durch das Thema Ahnen hindurch.“

Kurt verlässt unsere Sitzung nach dem Atmen entspannt. Er fühlt sich wieder mehr in seiner Mitte verankert. Wenn ein Tornado tobt, welcher Platz ist der ruhigste und sicherste? Genau in der Mitte. Man nennt diesen Ort „das Auge“.

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